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Mamiana auf dem Schiff

In langen, dünnen Fäden fließt ihr Speichel in seinen geöffneten Mund.

Odysseus reckt seine Zunge den metallischen Tropfen entgegen, die auf seine Oberlippe fallen, über die Zähne laufen und am Kinn abtropfen. Quecksilber auf verblichenem Samt.
Sie verschließt seinen Mund mit ihren Lippen und denkt an den endenden Sommer, der kein Sommer ist, du riechst nach Wald Odysseus, nach feuchtem Moos.
Kleine, runde Scheiben werfen ein löchriges Licht auf Hautpartien, die zur Leinwand werden, ein tanzendes Mosaik aus Schatten.

Das Schiff schwankt, auf dem sie federn, es beherrscht den dunklen Raum.
Sie leckt seine Wangen, wie die Katze ihr Junges, das an ihren Zitzen hängt, sich des Rechtes zu überleben nicht bewusst.
Ihre Haare kreisen um seine Hände, die fassen wollen, was sie nicht begreifen, Staubkörnchen wirbeln auf.
Er bewegt sich in ihr wie in Wasser.

Bring mich nach Hause Mamiana. Er spannt sie auf zwischen Füßen und Händen, ein Segel, das ihn bedeckt, von seinen Wünschen befleckt in Farben die sein Körper sprüht. Ihr Blick, in violett getaucht, durchdringt seine Pupillen, sie tanzen zu ihrer Melodie.

Es ist so einfach ihm den Weg zu weisen.

Bleib bei mir Odysseus. Formelhaft, beschwörend der Klang ihrer Stimme.
Sein Seufzen dröhnt in ihren Ohren, wie die Scheiben dröhnen, wenn der Tanklaster fährt, obwohl sie sicher ist, der Ton kommt von tief unten, aus jener endlosen Höhle, dem Verlies des Ursprungs, das man nur allein betritt. Feste Arme pressen ihren Körper, Milch vermischt sich mit Erde, ein kurzes Zucken, eine Katze, die Beute macht, der Tag atmet aus.

Sein Gesicht strafft sich wie glattgestrichene Laken, er wird still. Mamiana lächelt und berührt seine pergamentenen Lippen mit kühlen Fingern. Er ist nicht schön. Er ist wie das Leben, voller Rätsel und doch ganz einfach. Die Uhr schlägt Sechs.
Odysseus erhebt sich aus dem Schiff, das nicht mehr schwankt. Ein zerschlissener Kater nach dem Kampf, der sich das Fell leckt, den Anlass der Unordnung bereits vergessend. Ihr wird kalt.

An der Tür zieht er sie noch einmal an sich, streicht über ihren Rücken, eine Säule aus Elfenbein und geht davon, gefolgt von ihrem dunklen Blick, der auf der Treppe verweilt, bis seine Schritte verklingen.

Das Schiff faltet sich zum Boot, die Decken um ihren fröstelnden Körper geschlungen, rollt es sich zusammen, um sie zu wärmen in dem kleinen Raum, der sich ausdehnt in der einbrechenden Dunkelheit.
Sie liegt reglos als ein Mondstrahl durch die Scheiben fällt auf ihr Gesicht, wandernd nach den bebenden Lidern, weiße Murmeln, nach Innen gedreht.

Es klingelt an der Tür.

Offen, wispert sie, ohne sich zur rühren, es ist offen. Es klingelt wieder. Die Klinke wird heruntergedrückt, Schritte im Flur. Jemand tritt in den Raum. Sie dreht sich langsam zur Wand, schläfrige Muse, den Rücken entblößt, der sich bleich aus der Dunkelheit hebt. Odysseus? Fragt sie gegen die Wand.

Hermes.

Her – més , wiederholt sie abwesend und beginnt sich zu wiegen.

Eine erfrorene Blume auf knarrendem Schiffsboden, die ein anderer im Begriff ist aufzurichten. Hermes raschelt mit den Flügeln, die er ablegt bevor er einsteigt in ihr Boot, das sich zum Schiff entfaltet und die Fahrt wieder aufnimmt. Du riechst nach Wind, Her-més, Mamiana atmet tief ein.

Sie fühlt seine kühle Hand genau dort, wo ihr Honig fließt.
Lange Finger erkunden die Quelle, die Lippen anlockt, sie zu benetzen. Hermes schickt seine Zunge über Mamianas tiefe Schluchten, sie windet sich durch Spalten, gleitet über Erhebungen, schmeckt ihr Salz, bettet sich ein in ihr dichtes Nest das sich auftut, ihn zu greifen. Mamiana hört sie aufsteigen, die Töne, tief unten aus jener endlosen Höhle, dem Verlies ihres Ursprungs, das sie nur allein betritt. Sie denkt an das Meer, das so dunkel wird, lässt man sich fallen mit offenen Augen, die Hand nach oben gestreckt, im Sinken den Blick zu den Wellen, die zusammenschlagen ohne Laut.

Ein Schiffbrüchiger, Hermes, der ihren Körper greift wie rettendes Treibgut. Keuchend schwingt er seine matten Glieder auf und zwingt sie unter Wasser, ihn zu tragen. Im Fallen hört sie seine Schreie, die Leben heißen, seine Rufe, die nach Rettung flehen, nach Wind klingen und mit dem schläfrigen Lied der Wellen verschmelzen. Ihre Achselhöhlen werden Zuflucht für sein flatterndes Wesen, das sich verhakt um zu verweilen und sich verliert in hypnotischem Duft. Zum Abgrund wird ihr Schlund in den er stürzt, rudernd ohne fassbaren Grund.

Her-més ruft Mamiana, seine Augen suchend, die an einen fernen Horizont geheftet ungerührt vom Rhythmus seiner Lenden einen Punkt fixieren. Bleib bei mir. Formelhaft, beschwörend der Klang ihrer Stimme.

Da bricht sein Blick und Milch vermischt sich mit klarem Wasser, ein Zucken, ein Salut aus der Ferne, die Nacht seufzt im Traum.

Er sinkt auf die Zitzen der Katze, und saugt Leben. Ihre Hände halten ihn still. Die Uhr schlägt Zwölf. Mit weiten Pupillen blickt sie fort, dorthin wo er geht, satt, geläutert, im Fluge vergessend.

Mamiana streicht die Laken glatt, legt sich auf den Rücken, mit Blick auf die offene See. Odysseus und Hermes, ziehen in Bildern an ihr vorbei. Der eine stark und vibrierend, der andere federnd mit zornigem Blick, einander nur gleich im Begehren. Mamiana heißt Mutter, Kreatur, Weib und Schöpfung in einer Sprache die niemand spricht, die jeder fühlt tief unten in jener endlosen Höhle, dem Verlies des Ursprungs, das man nur allein betritt. Sie setzt die Segel ohne sich umzudrehen und entfernt sich hin zu einem neuen Hafen, wo sie bereits erwartet wird. Der Mond schaukelt am Mast.