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Der alte Schauspieler

Der alte Schauspieler saß ganz verzweifelt,
in der Ecke einer Bar.
Er wollte, dass ihm endlich einfällt,
warum er so von Sinnen war.

Die Vorstellung lief wieder gut,
er war wie jeden Tag phantastisch!
Das Publikum bezahlte gut, und sagte
- Sie! Sie spielen diese Rolle wirklich plastisch! -

Er lächelte dann jedes Mal
und biss sich auf die Lippen,
- Das große Lob wird schal-,
so dachte er und ging alleine einen kippen.

Hasse ich mein Publikum?
Ist es das, woran ich leide?
Was wäre, wenn ich es mal anders machte,
ganz verkehrt herum, wenn ich gut zu sein und richtig
einfach ganz vermeide?

Am nächsten Abend kamen sie,
sie hatten viel von ihm gehört,
wie jeden Abend ins Theater.
Sie sagten, sein Talent sei unerhört,
er spiele großartig, der alte Kater.

Als sich der Vorhang hob, trat er nach vorn.
Im Gesicht war er ganz weiß.
Er sprach sehr leise, doch ganz deutlich,
das Publikum war jetzt noch freundlich,
und spitzte seine Ohr'n:

"Was wäre, wenn ich euch auf die Perücken scheiß?
Würdet ihr mich dann noch immer lieben?
Wenn ihr zusammenbrecht unter den Hieben
meiner ausgeschissenen Verlorenheit?
Wärt ihr immer noch bereit, mir lobzuhudeln,
mir zu schmeicheln, die Herren, die gut munkeln
und die Damen, die mich an ihrem Busen schunkeln?

Ha! Ihr seid ein langweiliger haufen, ihr könnt nur
vögeln, schwatzen, saufen! Und die Kultur ist
Sahnehaube, die ich mir jetzt gleich erlaube,
in eure Lackgesichter zu verteilen, dann werde ich
- als wär ich nie gewesen, was ich bin -
zum Ausgang eilen."

Es war ganz still. Von hinten konnte man
Gelächter hören. war das jetzt Spiel oder
ganz echt, darauf wollte keiner schwören,
und niemand wusste recht, was jetzt noch
folgen sollte.

Der alte Schauspieler, der völlig haltlos schien,
holte nun schnell sein nacktes Horn heraus,
und suchte sich aus allen Winkeln diesen aus,
der ihm am besten schien, die Leute
in der ersten Reihe voll zu pinkeln.
Dann machte er sich aus dem Staub.

Das Lob, das dann erklang,
hörte man noch tagelang
durch jede Zeitung jagen.
Moderne Avantgarde! Reale Kunst!
Wie fiel ihm das nur ein?
So schrieben sie im Zigarettendunst
und stellten seine jähe Pinkellust
in einen künstlerischen Schrein.

Doch was geschah mit unsrem Mann?

Der ging, sobald er auf der Straße war,
schnurstracks und ohne nachzudenken,
zu der stadtbekannten Domina.
Dort ließ er sich an Füßen und an Händen
schwer in Ketten legen.
Er wollte, eingeschnürt, geknebelt, wie er war,
kein Fingerchen mehr regen.

Als sie endlich mit ihm fertig war,
lag er eingewickelt da, in Folie und Plastik.
Er rief - Wie ist das wunderbar! -
und gleich darauf in dummer Trauer
-Was habe ich nur Zeit verschwendet,
Applaus ist eine Mauer, aber tief in mir
der Schmerz, er schickt mich ohne
dass die Lust je endet, ewig himmelwärts. -

Ab diesem Zeitpunkt sah man ihn
nur noch als Sklave um die Häuser ziehn.
Mit einem immer gleichen Lächeln.
Und wenn man an der Leine zieht,
die er nun ständig um den Hals gebunden hält,
dann fängt er, ohne dass er bellt
wie ein Hündchen an zu hecheln.

Glücklich ist er, ohne Frage, und predigt
seit dem alle Tage - Es ist nie zu spät
seine Passion zu finden, sei es
Fußball oder Blumen binden, und man sollte
sich nicht ewig schinden bis man
tut, was einem selbst gefällt, und nicht
mehr fragt - Gefällts der Welt?